Balders Helfahrt

Balder, du blonder, bester der Götter,
Selten du suchst Gesellschaft der Ird’schen!
Schmerz hat gestimmt der Sterblichen Klagen,
Greuel und Graus vergällen die Seelen.
Aber verargen auch wir es nicht dir,
Wonniger! Wer schon wollte dich schelten?
Bringst du doch Blumen, Bergeerklimmer,
Lauere Lüfte, Licht und Gedeihen.
Ledig des Lebens liegt das Geschöpf, das
Treu deinem Tod nie die Träne geweint hat.
Heim kehrst du heil, dem Helreich entflohen.
Bald lässt dann breit die Blicke du schweifen,
Streuest den Strahl der schaffenden Liebe.
Heil deiner Herrschaft, hör unser Lied!

Träumtest auch tief des Todes Verdacht du,
Böse Gebärden, Boten aus Helreich:
Phol und auch Vater fuhren zum Walde,
Brach sich das Bein dort, Balder, dein Fohlen,
Fricka und Folla flüsterten Sprüche,
Sunna und Sinthgunt sagten ihm Sälde,
Wodan auch wohl es wusste zu heilen,
Bein zu Gebein und Blut zu Geblüte,
Glied zu Geglieder und gut war der Galster.
Übles mag Einzug einstmals auch halten,
Trotzdem soll tapfer Tod und Verhängnis
In ihre Augen eiskalt man schauen.
Fahren wird Vater, fragen die Alte,
Walfrau ihm weist des Wunsches Verderb.

Sehr sich da sorgt die sälige Mutter,
Fragt nun in Forst und Feldern nach Eiden,
Esche und Eiche, Eibe und Birke,
Gern sie dir geben Gunst und Gelübde.
Wolf und auch Waffen, Weiber wie Männer,
Schlange und Schwalbe, Schwein und Forelle,
Steine und Stürme, Ströme und Feuer
Schwörn dich vor Schaden stets zu bewahren,
Alles, was ist und ahnet und wirket.
Einzig des einen achtet nicht Fricka:
Mistelzweigs Macht sie meint zu geringe,
Klein noch und kraftlos klebt er da oben,
Bald ihn der Blinde Bruder wird fassen
Wirft ihn, nicht wissend, weh! dir ins Herz.

Ganz ist der Götter Glück nun zerbrochen,
Leben und Lust verlässt ihre Festung,
Fricka gefriert der freundliche Sinn gar.
Wehklagend Wodan weilt dann in Ansgart,
Heischt das Gehör der Hohen im Saale:
„Wer geht den Weg den weiten ins Helreich,
Fordert den Frohen ferne uns wieder?“
Hermut beherzt mit Heervaters Sleipner
Reitet da rastlos, reist bis ins Helreich,
Fordert zu früh den frostbleichen Balder.
Arg ist der Eid der Unterweltgöttin.
Götterkampf gärt schon, gibt die Entscheidung.
Erst wenn der Erde Unheil sich mehret,
Wiederkehrn wirst du, wandeln bei uns.

Die Nibelungen (Buchvorstellung)

Germanische Heldenlieder in deutschem Stabreim

Die Nibelungensage ist uns heute in mehreren Quellen überliefert, die sich in vielerlei Hinsicht unterscheiden, manchmal aber auch gemeinsame Züge aufweisen. Die bekanntesten sind das mittelhochdeutsche Nibelungenlied aus der Zeit um 1200 und die altnordischen Eddalieder von Sigurd, Gunnar und Atli, die nur wenig später aufgezeichnet wurden, deren Inhalt aber bis ins neunte Jahrhundert und darüber hinaus zurückreicht. Eine ebenso wichtige, wenn auch wenig bekannte Quelle ist die altnordische Þiðreks saga, eine umfangreiche Sammlung von Heldensagen im knapper, beinahe chronikartiger Prosa. Die Schlusshandlung spielt hier nicht im weit entfernten Ungarn, sondern im westfälischen Soest.

Zur späteren Bearbeitung der Sage gehören sodann auch kürzere Gedichte und Schauspiele, etwa Ludwig Uhlands Siegfrieds Schwert oder Friedrich Hebbels Die Nibelungen.

Die Ursprünge der Nibelungensage liegen im rheinfränkischen Raum des fünften Jahrhunderts. Ihre anfängliche Gestalt waren (im Vergleich zum weitschweifigen Nibelungenlied) kürzere, im Stabreim gedichtete Heldenlieder. Von Sängern wurden sie, gegebenenfalls begleitet vom Klang der Leier, in geselliger Runde vorgetragen, entweder gesprochen oder gesungen.

Wie berichtet wird, waren die Geschichten von Siegfried, Brünhild und dem Nibelungenhort in ganz Altfranken und Altsachsen bekannt, sicher auch darüber hinaus. Schließlich gelangten die deutschen Lieder nach Skandinavien, wo am meisten von ihrem ursprünglichen Bestand erhalten blieb.

Mit meinem Nibelungenbuch wollte ich zur Urform der Sage zurück, oder besser gesagt: zu einer Form, die sie gehabt haben könnte. Freilich kann eine sichere Wiederherstellung der eigentlichen Urform niemand leisten, da sie schlicht verloren ist. Aber Dichtung ist keine Wissenschaft und folgt auf der Suche nach Richtigkeit und Geschlossenheit eines Werks vielmehr der inneren Eingebung als vorgesetzten Quellen.

Darum ist aus den Quellen dasjenige ausgewählt, das dem Anschein nach das älteste ist, dann aber in einer neuen Gestalt zu einem schlüssigen Werk verbunden, das zurück in die heidnische Vorzeit reicht, in der die Sage entstand. Damit handelt es sich bei dem Buch nicht mehr um eine bloße Übertragung in neuhochdeutsche Sprache, sondern eine eigenständige Dichtung.

In stabgereimten Zeilen erzählen die vier Heldenlieder im Buch die Geschichten der Hauptgestalten Siegfried, Brünnhild, Griemhild und Gunther. Darüber hinaus habe ich das Buchinnere mit einer ganzen Reihe Tuschezeichnungen versehen, die eine Brücke schlagen zwischen ausgrabbarer Geschichte und zeitloser Sagenwelt.

Zu erstehen gibt es mein Nibelungenbuch bei BoD, oder bei so gut wie allen anderen Händlern, z.B. Thalia, Hugendubel, buecher.de, Osiander usw. ISBN: 978-3-7534-2300-5

Nebenquellen:

Andreas Heusler: Nibelungenlied und Nibelungensage, Darmstadt 1973.

Heinz Ritter-Schaumburg: Die Nibelungen zogen nordwärts, St. Goar 2007.

Walpurga – Witch or Saint?

Languages: Deutsch | English

The common person, when hearing the word Walpurgis Night, will mostly think about the eve of the first of May spring celebration. This goes along with the gathering of witches at certain places for the witches’ Sabbath, as is famously decribed in Goethe’s Faust.

But indicatively there gapes a vast disparity between the holiday and the woman that gave it its name, for she is a Christian nun and saint and not to be conjoined with any of those nightly gatherings and blasphemic goings-on.

In order to solve this disparity one must dig deeper, and explore sources that paint a more encompassing picture of the dark past than superficial impression will allow. For this we shall look at three characters in which Walpurga can be encountered in the cultural records.

Saint Walpurga

The saint Walpurga (in German also Walburga or Walburg) of Christian churchly history is an Anglo-Saxon nun of the Benedictines, who contributed to the conversion of the yet pagan Germans as the abbess of Eichstätt monastery (Franconia) in the eighth century. She is seen as a cousin of the saint Boniface, while her supposed royal ancestry is not agreed upon. Her day of death is the 25th of February, either in 779 or 780. Her sanctification was on the first of May, thus the connection with Walpurgis Night.

Furthermore it is said: „The fourth of August is the day of her advent, the 12th of October the day of the elevation of her bones“, and „of the mortal remains of the saint only the breastbone is left in Eichstätt. The limestone plate, on which it rests in the altar of the crypt chapel, is said to assume a bluish colour in October and overflow with a vapourish substance that clots into pearls until February, which is there led into a golden cup drop by drop“ (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, based on Rochholz: Drei Gaugöttinnen). This Walpurgis oil is sold to visitors and is to be poured into a specific rock crevice in order to appease the stream Ordelbach, which springs forth from the respective rock.

Walpurgis is as well a patron against the black plague, helps against abdominal sickness and eye complaints. According to the legends she also helps starving children, which an attribute of hers, the three grain spikes, seems to point at. So is reported by her biographer Wolfhard of Herrieden, although it must be said he wrote down her story only 200 years after her lifetime.

As can be seen, the reports on saint Walpurga’s life oscillate somewhere between history and legend and have been developed over a longer period of time.

Walpurga’s mirror

This becomes even clearer when looking at the mythical material that has been passed down in folk belief besides churchly tradition. I again quote and translate the handbook of German superstitions:

Saint Walpurga has an oil flask and three grain spikes as her attributes, which label her as a protector of the fields. Besides the first of May the harvest days are consecrated to her. According to the folk belief of Lower Austria and Bohemia there are nine Walpurgis nights. If leaving open a small window in the house during these nights, one can hope to find a piece of gold put there by Walpurga on the morning of the last night. This is because she is persued by ghosts in this night and flees from village to village, trying to find a place to hide. Her preferred hide-out is behind a window cross, and in gratitude she will put there a small piece of gold. She appeared once to a peasant, persued by riders on white horses, as a white woman with fiery shoes, longflowing hair, a golden crone on her head, and in her hands a triangular-shaped mirror and a spindle. Another time she asks a farmer to hide her inside a sheaf. If one pray a Lord’s Prayer for the salvation of Walpurgis at midnight in each of the nine nights, they will have a golden nugget thrown into the room through the window. The witches can during these nights aks the saint for various things, namely small, triangular mirrors, which show all the future. If you receive a thread from her spindle, you can be sure not to perish in any menace. To her churches all kinds of myths are attached. That of Wilgefortis was transferred onto her as well. On the Walpurgis Night see Mayday and Philippus.

Remarkable similarities to Germanic mythology can be seen here. The mythical figure Walpurga is apparently no other than the Woodwoman that the Wild Hunter persues through forest and field in the night, to thrown her crosswise on his steed before him once he gets hold her. Was this scene maybe re-enacted in the folk customs for a longer time? Its symbolic meaning points at the attainment of fertility, just like her three grain spikes. The same goes for the gold one receives for helping her on her flight from the ghostly riders.

Harder to interpret are the fiery shoes, but fire is usually linked to fertility and vitality as well. Rocholz sees them as golden shoes. They could possibly also point at a passage through borders between different realms.

Walpurga is apparently a kind of chief witch, and another important point are the numbers given here: Three grain spikes, three times three = nine Walpurgis nights, triangular mirrors as a gift for the witches. And on top of this, the witches can see the future in these mirrors, thus becoming seeresses. The number three here makes one comparison fly in one’s face, namely that with the three Norns of Nordic mythology, who embody the past (Urðr), the present (Verðandi), and the future (Skuld).

Behind the name-giver of Walpurgis night, so much should have become clear, there is much more than merely the Christian saint. In folk belief the mythical character Walpurga has a depth of meaning that can not be explained only through the formation of legends around the Anglo-Saxon abbess anymore. The Walpurgis myths are old folk traditions that were projected onto the Christian saint as a substitute figure during the conversion to Christianity.

On the name Walpurga

On the meaning of the name Walpurga etymologists are not always of the same opinion. The most common explanation is that of Wal- as going back to Old High German waltan, which means to keep, guard or protect. The second part, -purga, is derived from Old High German burg, meaning enclosure or protection.

Why though a name made of two parts that both mean more or less the same? Most Germanic names are formed of two complementary parts, so that usually the first part gives closer definition to the second: Siegfried is the one who creates frith (unity) through victory, Brunhild is the fighteress in the coat of mail. Only later we see random combination of name elements, so that names without coherent meaning or doubled meaning emerge.

An alternative interpretation to this double-meaning is given by Klaus Gelbhaar, who associates the first part of the name with the same syllable Wal- that we can also find in Walhalla, the well-known hall of the Norse god Óðinn. The word here refers to the fallen and slayn, who the god gathers in his hall, thus called Valhall, Valhöll in Old Norse. The meaning of the name Walpurga would thus be „guardian of the fallen“, or maybe more in general „keeper of the dead“. As Wolfgang Thiele und Herbert Knorr show in their book on the continuity of early churches and astronomically aligned cult sites in Westphalia, the early churches of Wormbach and Meschede, which are both dedicated to Walpurga, were located on the so-called Totenweg („way of the dead“), an old traffic route which seems to have been used to carry the deceased to their last rest for a very long time.

The seeress Waluburg

On an old pot sherd from the 2nd century CE found in a former Roman military camp in Egypt, an inscription says in Greek letters:

Βα̣λουβουργ Σήνονι σιβύλλᾳ

Waluburg, seeress of the Se[m]noni

The pot sherd is probably some kind of pay list. So Waluburg was the name of a seeress in Roman service. The Semnoni were one of the most important Germanic tribes and settled near Berlin around the river Elbe back at the time. Tacitus reports about a fetter-grove of the Semnoni and customs associated with this sacred site.

That a Germanic seeress ends up in a Roman military camp in Egypt is not necessarily surprising. Especially Germanic nobility often ended up in Roman captivity as hostages during the wars.

The seeresses Ganna and Veleda from the Rhine area, who lived shortly before Waluburg, were highly regarded by the Romans. The mentioned pot sherd was found near the oracle site of Elephantine on an island in the river Nile, so that we can assume there to be a connection between the seeress Waluburg and the site.

As is known, the three Norns sit at the waters of the Well of Urd too. Roman historian Cassius Dio tells us of a strange encounter of the military leader Drusus with a seeress at the banks of the river Elbe, which took place when he invaded Germanic territory in the year 9 BCE. And Plutarch reports from a similar time about women close to the Suebic leader Ariovist, who „ divined on the basis of their gaze into the swirls of the rivers and their conclusions from the eddies and the murmuring of the streams“. (Plutarch, C. 19.).

The fact that the Waluburg attested in the 2nd century is seeress is important insofar as Christian nuns can be seen as a Christian contuniation of the same function. Just like the pagan seeress can be seen as a female cleric, some Christian saints like Hildegard of Bingen and Mechthild of Magdeburg, were still seeresses as well. Their visions are written down in texts like Hildegard’s Scivias or Mechthilds The Flowing Light of Divinity. Thus we can conclude a connection between the functions of the pagan seeress Waluburg and the saint Walpurga beyond mere similarity of name.

Whether Waluburg is an older form of the name Walpurga will be hard to say, since etymology does not always give clear answers. But as we see, there are a couple of names that share a remarkable similarities, both in regards to name and function, among similar figures in the Germanic world. At two more of them we will look now.

Vǫlva and Veleda

In the Old Norse Edda the seeress is called vǫlva. Right away the similarity between the first syllable and Wal- can be noticed. The common interpretation of the Old Norse word however goes back to a word for staff or wand, so that vǫlva would mean „wand-carrier“. The same meaning is attributed to the Wal- part in the name Waluburg by Rudolf Simek.

That the ancient seeresses walked about carrying a wand or staff is easy to imagine. Even more meaningful and insightful for the symbolic meaning of the wand is the word root behind the word for wand: according to etymology, vǫlr goes back to Indogermanic *welH-, which means as much as „to turn, wind, roll“. It points at a turning motion or cycle, like that of birth and death. The name Walpurga, as „keeper of the dead“, implies a persistence of the soul after death. But first and foremost the meaning of the word fits the gift of divination: If the course of events is looked at as an eternal recurrence of similar patterns, they indeed become forecastable. The future is already present in the past.

The name of the well-known seeress Veleda has a very similar sound as well. According to scholarship her name is however related to the Celtic-Irish filid and the Gallic *veled-, which mean nothing other than druidess, or more literally: seeress. Furthermore we have Latin vultus für „face“, and Cymraeg-Welsh gweled for „to see“.

It becomes clear quite fast that Veleda is no common name that would be given to any girl at her birth. Much rather it denotes exactly the function that the seeress had in life, and would thus be a byname, epithet or title, which she received after the initiation into her position. And from this right away follows the question whether there were not many women who did bear this name, before and after. The one seeress Veleda mentioned in Roman records would then only be the most well-known example in the genealogy of the Veledas, the seeresses of the Rhine.

The three Walpurgas

Walpurga can be found as a saint, mythical figure, and seeress. It is now time to join the threads and make a hypothesis on how the saint Walpurga and the heathen Walpurgis night are connected.

If the name Veleda was a title then the same might apply to the names Walpurga and Waluburg. The woman hallowed by this name were known for their divination and benevolent effect on fertility of soil and sib. Among the folk they were highly regarded as wise women, and due to this veneration comparable to the later Christian saints. It comes of no surprise that in the time of conversion people projected their notions onto a Christian saint of the same name all the easier. Because for the people the two were one and the same. The original Walpurga was thus witch and saint at the same time. The seeresses name kept on circulating beyond the original tribal territory throughout the following centuries and stayed fruitful for the creation of myth and folk custom alike.

Sources

René Wernitz, Irene Krieger: Seherinnen an Elbe und Havel, moz.de 2016. https://www.moz.de/lokales/rathenow/seherinnen-an-elbe-und-havel-48510068.html

Wolfgang Thiele, Herbert Knorr: Der Himmel ist unter uns, Bottrop 2003.

Eduard Hoffmann-Krayer, Hanns Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932.

Ernst Ludwig Rochholz: Drei Gaugöttinnen. Walburg, Verena und Gertrud, Leipzig 1870. https://archive.org/details/dreigaugttinnen00rochgoog/page/n15/mode/2up

DWDS: Wurzel, vǫlr. https://www.dwds.de/wb/verwurzeln#:~:text=vǫlr%20%27runder%20Stab%27%2C%20got,(s.%20d.)%20dargestellten%20Wurzel%20ie.

Walburga – Hexe oder Heilige?

Sprachen: Deutsch | English

Das Volk denkt beim Stichwort Walpurgisnacht noch heute vor allem an den Vorabend des Frühlingsfests zum ersten Mai. Damit einher geht das Treffen auf dem Hexentanzplatz wie es Goethe in seinem Faust beschrieben hat.

Bezeichnenderweise klafft zur angenommenen Namensgeberin des Festtages aber ein meilenweiter Unterschied, denn ist sie eine christliche Heilige, die als solche mit nächtlichen Zusammenkünften und gotteslästerlischem Treiben nicht in Verbindung gebracht werden kann.

Zur Auflösung dieses Widerspruchs muss man tiefer graben und Quellen zu Rate ziehen, die ein umfangreicheres Bild der dunklen Vergangenheit herstellen als es der oberflächliche Anschein erlaubt. Dazu sollen die drei Gestalten betrachtet werden, in denen uns die Walburga in der Überlieferung entgegentritt.

Die Heilige Walburga

Die Heilige Walburga der kirchlichen Geschichtsschreibung ist eine angelsächsische Benediktiner-Nonne, die im achten Jahrhundert als Äbtissin des Klosters Heidenheim/Eichstätt an der Bekehrung der noch heidnischen Germanen wirkte. Sie wird als Base des Bonifatius angesehen, ihre Abstammung aus dem angelsächsichen Königsgeschlecht ist aber nicht sicher. Ihr Todestag fällt den 25. Februar des Jahres 779 oder 780. Heiliggesprochen wurde sie am ersten Mai, daher also die Verbindung mit der Walpurgisnacht.

Weiter heißt es: „Der 4. August ist der Tag ihrer Ankunft, der 12. Oktober der der Erhebung ihrer Gebeine“ und „Von den Körperteilen der Heiligen ist in Eichstätt nur noch das Brustbein vorhanden. Die Kalksteinplatte, auf der es im Altar der Gruftkapelle ruht, soll sich zu Anfang Oktober bläulich färben und bis zum Februar mit einem dunstigen, zu Perlen gerinnenden Stoffe überlaufen, der tropfenweise in eine Goldschale geleitet wird“ (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens bzw. Rochholz: Drei Gaugöttinnen). Dieses Walpurgisöl wird an Gläubige verkauft und soll jährlich in eine bestimmte Felsenspalte gegossen werden, um den daraus entspringenden Ordelbach zu besänftigen.

Walburga ist zudem Pestpatronin, hilft gegen Unterleibsleiden und Augenkrankheiten. Der Legende nach steht sie auch hungernden Kindern bei, worauf auch ihre Verbindung mit den drei Kornähren hinzuweisen scheint. Davon berichtet Wolfhard von Herrieden, der ihre Lebensgeschichte allerdings erst zweihundert Jahre nach ihrer Lebzeit niedergeschrieben hat.

Wie sich zeigt, bewegen sich die Angaben zu dieser Gestalt also irgendwo zwischen Geschichte und Sage und haben sich über einen längeren Zeitraum herausgebildet.

Walburgas Spiegel

Noch klarer wird dies durch den Sagenstoff, der abseits von der kirchlichen Überlieferung im Volksglauben überliefert wurde. Hier sei wieder das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens zitiert:

Die hl. Walpurga hat neben einem Ölfläschchen drei Ähren zum Attribut als Schützerin der Feldfrucht. Ihr sind außer dem 1. Mai auch namentlich die Erntetage geweiht. In Niederösterreich sowie in Böhmen gibt es nach dem Volksglauben neun Walpurgisnächte. Läßt man in diesen Nächten ein kleines Fenster im Hause offen, so hofft man am Morgen nach der letzten Nacht, darin ein Goldstück zu finden, das Walpurga hineingelegt hat. Sie wird nämlich in dieser Nacht von Geistern verfolgt und flieht von Dorf zu Dorf, um ein Versteck zu finden. Am liebsten verbirgt sie sich hinter einem Fensterkreuz und legt zum Dank ein kleines Geldstück dorthin. Einem Bauern begegnete sie einst, von Reitern auf weißen Rossen verfolgt, als weiße Frau mit feurigen Schuhen, langwallenden Haaren, eine goldene Krone auf dem Haupte und in den Händen einen dreieckigen Spiegel und eine Spindel. Ein andermal bittet sie einen Bauern, sie in eine Garbe zu verstecken. Betet jemand in jeder der neun Nächte um Mitternacht ein Vaterunser zur Rettung der Walpurga, so wird ihm in der neunten Nacht ein Goldklumpen durchs Fenster ins Zimmer geworfen. Die Hexen können in diesen Nächten verschiedene Dinge von der Heiligen verlangen, namentlich kleine, dreieckige Spiegel, die alles Zukünftige zeigen. Erhält man einen Faden von ihrer Spindel, so ist man sicher, daß man in keiner Gefahr umkomme. An ihre Kirchen knüpfen sich allerlei Sagen. Auch die von der hl. Kümmernis ist auf sie übertragen. Über die Walpurgisnacht siehe Maitag und Philippus.

Hier finden sich im Vergleich mit der germanischen Sagenwelt erstaunliche Ähnlichkeiten. Die Sagengestalt Walburga ist offenbar keine andere als das Moosweib, das der Wilde Jäger nachts durch Wald und Feld verfolgt und nach erfolgreicher Jagd quer vor sich auf den Gaul wirft. Wurde dieser Vorgang möglicherweise lange Zeit im Brauchtum nachgespielt? Sein Sinngehalt weist ähnlich wie die drei Ähren der Walburga auf die Erlangung von Fruchtbarkeit hin. Ähnlich zeigt ihre Gütigkeit das Gold, das man erhält, wenn man der Walburga auf der Flucht vor den Geisterreitern zu einem Versteck verhilft, und steht für Reichtum und Wohlleben.

Schwerer erklärbar sind die feurigen Schuhe, aber Feuer ist in der Regel ebenso mit Fruchtbarkeit und Lebendigkeit verbunden. Rochholz deutet sie als goldene Schuhe. Möglicherweise könnten die flammenden Schuhe auch auf einen Grenzgang zwischen den Welten verweisen.

Offenbar ist die Walburga eine Art Oberhexe und ein wichtiger Punkt sind auch die Zahlenangaben: Drei Ähren, drei mal drei gleich neun Walpurgisnächte, dreieckige Spiegel als Belohnung für die Hexen. Noch dazu können diese in den Spiegeln die Zukunft sehen, werden also zu Seherinnen. Die Dreizahl fordert in diesem Sinne den Vergleich mit den drei Nornen der nordischen Sagenwelt heraus, die Vergangenheit (Urðr), Gegenwart (Verðandi) und Zukunft (Skuld) verkörpern.

Hinter der Namensgeberin der Walpurgisnacht verbirgt sich, das sollte hiermit klar geworden sein, viel mehr als nur die christliche Heilige. Im Volksglauben hat die Walburga als Sagengestalt einen Bedeutungsgehalt, der sich nicht mehr allein aus der Sagenbildung um die angelsächsische Äbtissin erklären lässt. Es handelt sich um alte Volksüberlieferung, die im Zuge der Bekehrung auf die christliche Heilige als Ersatzgestalt gespiegelt wurde.

Zum Namen Walburga

Geteilter Meinung sind die Namenforscher mitunter bei der Bedeutung des Namens Walburga. Am weitesten verbreitet ist die Deutung von Wal- auf althochdeutsch waltan, also „obwalten, hegen, schützen“. Der zweite Teil -burg wird auf ahd. burg zurückgeführt, das soviel wie „bergen, umschließen, schützen“ bedeutet.

Wieso aber ein Name aus zwei Teilen, die beide mehr oder weniger dasselbe bedeuten? Die allermeisten germanischen Namen werden aus zwei sich ergänzenden Teilen gebildet, wobei in der Regel der eine Teil den anderen näher beschreibt: Siegfried ist der durch Sieg Frieden Schaffende, Brunhild ist die Kämpferin in der Brünne. Erst später geht man dazu über, beliebige Teile zu verbinden, sodaß auch Namen ohne schlüssige Bedeutung und Bedeutungsdoppelungen vorkommen.

Einen Gegenvorschlag zu dieser Bedeutungsdopplung gibt Klaus Gelbhaar, der den ersten Teil des Namens mit derselben Silbe Wal- in Verbindung bringt, die wir auch in Walhall finden, der berühmten Halle des nordischen Gottes Óðinn. Das Wort bedeutet hier „Gefallene“, denn in dieser Halle, altnordisch Valhöll, sammeln sich die gefallenen Krieger. Somit wäre die Bedeutung des Namens Walburga „die Hegerin der Gefallenen“, oder vielleicht allgemeiner „die Bergerin der Toten“. Wie Wolfgang Thiele und Herbert Knorr in Der Himmel ist unter uns darlegen, lagen etwa die Kirchen von Wormbach und Meschede, die beide der Walburga gewidmet waren und zu den ältesten in Westfalen gehören, am alten Totenweg, einer Verkehrsverbindung über die schon seit jeher die Toten zum Ort ihrer letzten Ruhe gebracht wurden.

Die Seherin Waluburg

Auf einer Tonscherbe aus dem zweiten Jahrhundert, die in einem ehemaligen römischen Feldlager in Ägypten gefunden wurde, steht in griechischen Buchstaben die Inschrift:

Βα̣λουβουργ Σήνονι σιβύλλᾳ

Waluburg, se[m]nonische Seherin

Bei der Tonscherbe handelt es sich vermutlich um eine Art Soldliste. Waluburg war also der Name einer Seherin in römischen Diensten. Die Semnonen waren bekanntlich einer der wichtigsten germanischen Stämme und siedelten zu dieser Zeit im heutigen Brandenburg an der Elbe. Tacitus berichtet von einem Fesselhain der Semnonen und besonderen Bräuchen um diese heilige Stätte.

Daß eine germanische Seherin ausgerechnet in ein römisches Feldlager in Ägypten gerät, muss nicht verwundern. Gerade gesellschaftlich höher gestellte Germanen gelangten öfters als Kriegsgefangene oder Geiseln in römische Hand.

Hoch angesehen waren bei den Römern auch die Seherinnen Ganna und Veleda vom Rhein, die nur wenig früher als Waluburg lebten. Die besagte Tonscherbe wurde wiederum nahe der Orakelstätte Elephantine im Nil gefunden, sodaß man von einer Verbindung zwischen der Stätte und der Seherin Waluburg ausgehen kann.

Am Wasser des Urdbrunnens sitzen bekanntlich auch die drei Nornen. Von einer Seherin, die dem im Jahr 9 v. 0 in germanisches Gebiet eindringenden Heerführer Drusus am Ufer der Elbe in riesiger Gestalt erscheint, berichtet der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio. Und Plutarch meldet aus ähnlicher Zeit von Frauen im Gefolge des suebischen Heerführers Ariovist, daß sie „auf Grund ihrer Blicke in die Strudel der Flüsse und ihrer Schlüsse aus den Wirbeln und dem Murmeln der Bäche weissagten“. (Plutarch, C. 19.).

Daß es sich bei dieser Waluburg des zweiten Jahrhunderts um eine Seherin handelt, ist insofern besonders wichtig, als daß die christliche Nonne geradezu als christliche Fortfühung dieses Amts gesehen werden kann. Ebenso wie schon die heidnische Seherin als weibliche Geistliche verstanden werden kann, waren auch christliche Heilige wie Hildegard von Bingen oder Mechthild von Magdeburg noch Seherinnen. Ihre Gesichte sind in Schriften wie Hildegrads Scivias oder in Mechthilds Das fließende Licht der Gottheit aufgezeichnet. So lässt sich über die Namensähnlichkeit hinaus eine Verbindung zwischen den Ämtern der sicher noch heidnischen Seherin Waluburg und der Heiligen Walburga ziehen.

Ob Waluburg nun eine ältere Form von Walburga ist, wird schwer zu sagen bleiben, denn Namensforschung liefert nicht immer eindeutige Ergebnisse. Wie sich zeigt, gibt es in Bezug auf Name als auch Wesen eine ganze Reihe von Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Gestalten aus Sage und Geschichte. Auch wenn sich die Herkunft ihrer Namen nie auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt, kann man die Übereinstimmungen dennoch nicht übergehen. Zwei weitere sollen nun noch betrachtet werden.

Völva und Veleda

In der altnordischen Edda wird die Seherin Völva genannt. Gleich fällt die Ähnlichkeit zwischen den Anfangssilben Wal- und Völ- auf. Die übliche Deutung des altnordischen Worts geht jedoch auf ein Wort für Stab, sodaß die Völva die Stabträgerin wäre. Dieselbe Bedeutung nennt Simek auch für den Teil Walu- im Namen Waluburg.

Daß die Seherinnen in alter Zeit mit einem Stab einhergeschritten sind, kann man sich gut vorstellen. Noch bedeutsamer und erhellend für den Sinngehalt des Stabes ist der sich hinter dem altnordischen Wort für Stab verbergende Wortstamm: Der vǫlr geht nämlich laut Sprachwissenschaft zurück auf ein indogermanisches *welH-, das soviel wie „drehen, winden, rollen“ bedeutet. Es verweist auf eine Drehbewegung oder einen Kreislauf, wie etwa den von Geburt und Tod. Der Name Walburga, als „Bergerin der Toten“, weist auf ein Fortbestehen der Seele auch nach dem Tod hin. Vor allem passt diese Bedeutung aber zur Seherinnengabe: Wenn sich der Lauf der Ereignisse als ewige Wiederkunft ähnlicher Muster darstellt, so lassen sich diese freilich auch vorhersagen. Die Zukunft ist in der Vergangenheit bereits gegenwärtig.

Auch der Name der bekanntesten Seherin Veleda hat wieder einen ausgesprochen ähnlichen Klang. Ihr Name ist laut Sprachwissenschaft aber verwandt mit dem irischen filid und dem gallischen *veled-, die nichts anderes als Druidin bedeuten, oder wörtlicher übersetzt: Seherin. Entsprechend begegnet auch im Lateinischen noch das Wort vultus für „Angesicht“, im Cymrischen heißt „sehen“ gweled.

Es wird schnell klar, daß Veleda kein gewöhnlicher Name ist, wie er jedem Mädchen bei der Geburt gegeben werden könnte. Vielmehr bezeichnet er genau das von ihr ausgeübte Amt, ist also ein Beiname, den die Seherin nach der Einweihung in ihr Amt erhalten hat. Und daraus folgt sogleich die Frage, ob denselben Namen nicht schon viele Frauen vor und auch nach ihr getragen haben. Die in den römischen Quellen genannte Veleda wäre dann nur die bekannteste Vertreterin in der Erbfolge der Veledas, der rheinischen Seherinnen.

Die drei Walburgen

Walburga tritt uns entgegen als Heilige, Sagengestalt und Seherin. Es ist nun Zeit, die gesponnenen Fäden zu verbinden und eine Vermutung darüber aufzustellen, wie die Heilige Walburga und die heidnische Walpurgisnacht zusammenhängen.

Wenn der Name Veleda ein Amtsname war, dann kann dasselbe auch auf die Namen Waluburg und Walburga zutreffen. Die diesem Namen geweihten Frauen waren dafür bekannt, in der Zukunft zu lesen und Fruchtbarkeit für Acker und Sippe sicherzustellen. Im Volk waren sie als weise Frauen hoch angesehen und glichen durch diese Verehrung in vielem den späteren christlichen Heiligen. Kein Wunder also, daß der Volksmund seine Vorstellungen in der Bekehrungszeit um so leichter auf eine christliche Heilige übertrug, die denselben Namen hatte. Denn für das Volk waren sie ein und dieselbe. Die ursprüngliche Walburga war damit Hexe und Heilige zugleich. Der Name der Seherin blieb in folgenden Jahrhunderten noch immer im Umlauf und befruchtete über das ursprüngliche Stammesgebiet hinaus Brauchtum und Sagenbildung.

Quellen

René Wernitz, Irene Krieger: Seherinnen an Elbe und Havel, moz.de 2016. https://www.moz.de/lokales/rathenow/seherinnen-an-elbe-und-havel-48510068.html

Wolfgang Thiele, Herbert Knorr: Der Himmel ist unter uns, Bottrop 2003.

Eduard Hoffmann-Krayer, Hanns Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin und Leipzig 1932.

Ernst Ludwig Rochholz: Drei Gaugöttinnen. Walburg, Verena und Gertrud, Leipzig 1870. https://archive.org/details/dreigaugttinnen00rochgoog/page/n15/mode/2up

DWDS: Wurzel, vǫlr. https://www.dwds.de/wb/verwurzeln#:~:text=vǫlr%20%27runder%20Stab%27%2C%20got,(s.%20d.)%20dargestellten%20Wurzel%20ie.

Ackerbitte

Erke, Erke, Erdenmutter,
Gönne wohl der allgewalt’ge
Wettergott dir Ackers Wachsen.
Werden, Grünen und Gedeihen,
Gold’ne Garben geb’ der Gott auch,
Schieres Schwellen, starkes Wachsen.
Gib dem grauen Roggen Wachsen
Und dem weißen Weizen Wachsen,
Aller weiten Erde Wachsen.

Gönnt ihr – ewiger Gebieter
Über alle Ungeheuer,
Donn’rer Donar, dankbar treuer,
Heil’ge Helden hoch im Himmel –
Daß die Erde sei gefriedet
Wider aller Feinde Wirken,
Immer gegen alles Übel
Und geborgen gegen böses
Volk das fährt im freien Lande.

Nun ich bitt’ euch, Waltegötter,
Die geschöpft das Menschenalter,
Daß nicht wortgewiefte Weiber
Noch der Kränkung kund’ge Männer
Wenden mögen wohl das Wort mir,
Das gesprochen gegen Schaden.
Heil dir, Feld! Und Fest dir, Mutter!
Grüne in des Gottes Armen,
Fruchtgefüllt, dem Volk zur Freude!

Weiße Weiten

Hier in Finnlands weißen Weiten
Kämpfen wir um Wald und Brücken,
Durch den Lauf der Jahreszeiten,
Jagen Panzer, Elch und Glücken.

Früher wir warfen scharfe Gere,
Eisenglanz im Waldesschimmer.
Heute rattern die Gewehre,
Kugeltanz über die Finger.

In den schwarzen Stellungsgraben
Starben unsre Streitgenossen.
Mancher Freund blieb bei den Raben,
In Morast und Birkensprossen.

Manches Mal wir ostwärts fuhren,
Machen auf gewundnen Straßen
Kundschaftsfahrt auf Feindes Spuren,
Manche Nacht wir wachsam saßen.

Wenn am Himmel um die Bunker
Sind verhallt die Kugelgarben,
Brief nur spricht, es schweigt der Funker,
Nacht es wird, in Königsfarben.

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Der deutsche Geist

Wo die alte Art man ehret,
Doch auch Neues stets sich mehret,
Da pocht Leben, Leid und Liebe,
Hass und Freude führn zum Siege.
Frisch und frei und fromm und fröhlich,
Sollst du sein, dir selbst nur hörig!
In sich selber sorglos selig,
Jedem Feinde überzählig
Ist, wer auf die Ahnen bauet,
Innen Gott und Göttin schauet.

Wie des Waldes reiches Weben,
Wo aus tausendfachem Leben
Eins ins Andre wirkt, sich erdend,
Ganzheitliches Wesen werdend,
Pelztier, Käfer, Pilz und Pflanze,
So schau in der Welt das Ganze:
Sternenschicksal zugestanden
Sei ein jedem in den Landen,
Angebornem Brauch des Blutes
Folg ein jeder freien Mutes.

Wo auch irrten unsre Ahnen,
Sich verlorn in wirren Bahnen,
Sind wir hier um heimzuholen
Erbe, das uns anbefohlen,
Ihren Eifertrotz in Ehren,
Ihr Versehn ins Recht zu kehren.
Denn so werden wir auch wandeln
Zwischen Täuschung, falsch gar handeln,
Mögen’s unsre Enkel ahnden,
Für uns nach dem Richtgen fahnden.

Was auch wirkt am Weltentoben,
Nie soll fremde List entloben,
Nie entzweien Zwist noch Zerren
Weib und Mann, die Fraun und Herren
Hier im Heim des hehren Strebens.
Denn ist Fraungespür vergebens,
Wenn ihr Mannes Wohl nicht wichtig,
Und der Mann jagt draußen nichtig,
Was nicht weibtreu voll Erwarten,
Heim er bringt der Frau im Garten.

Weil uns Kraft noch küsst die Kehle,
Wird nicht sterben unsre Seele,
Soll aus selbst unsagbar Dräuen
Jetzt und immer sich erneuen.
Schon es schallt in allem Schönen,
Hallt in Tal und Berg ein Tönen,
Saust ein Sang durch sämtlich Gassen,
Den kein Rechnen kann erfassen,
Keine Kerkerwand durchkreuzen,
Denn ist dies der Geist der Deutschen.

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Selbstgespräch

In starre Spiegel glotzt mein Geist,
Er wollte wandeln zwischen zwein,
Doch einem Einz’gen nützt er nichts.
Auch kneift der Krebs in meinen Mond
Mit scharfer Schere bitterbös
Und Tränen triefen heiß vom Herz.
Die schönen Sterne tanzen tot,
Des Frühlings Farbe gilt mir grau,
Im Herbst ich hungre ohne Ernte.

Zu müde macht mich Tages Trott,
Um abends einzuschlafen schon,
Des Herzens Hunger mordet mich.
Doch gar ein großes Herz ich hab,
Und wenn’s die Welt nicht lieben lässt,
Dann will’s zuwenigst hassen heut.
Nicht rät Gerechtigkeit noch Kunst:
Im reinen Rausch aus Galle gelb,
So will ich wüten, nur vernichten.

In tauig-tiefsten Wald ich wünsch
Zu fahren, fern der Menschen Maß,
In Hexenhöh’ und Teufelstief.
Dort weilt ein Wesen traumvertraut,
Das böse blickt, doch sälig sieht,
Und tanzt mit Tanne, Kröt’ und Krapp.
Wo roter Rasestern die Schar
Der Nacht zu neuem Leben lenkt,
Im Zwiegezwitscher frecher Vögel.

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Alemannic Paganism in the Vitae Columbani & Galli

Languages: Deutsch | English

The further we go into the Germanic south, the sparser do the sources on pre-Christian paganism become, and the stronger the Christian influence. This is why we also know only little about the belief of the old Alemannic people, a Germanic tribe that settled in the south of nowadays Germany, Switzerland and eastern France. The eastern-Roman historian Agathias lived in the sixth century, and from his Christian view he reports about seeresses in the Alemanni tribe and says about their pagan cult:

They worship certain trees, the waters of rivers, hills and mountain valleys, in whose honour they sacrifice horses, cattle and countless other animals by beheading them, and imagine that they are performing an act of piety thereby.

(Agathias, the Histories)

From not much later, in the late sixth and early seventh century, we have the biographies of the two monks Columbanus and Gallus, who were venerated as Christian saints. Originally hailing from Ireland and Alsace, they spent some time at the east of Lake Constance (Bodensee). The Elbe-Germanic Suebi had moved into this area quite early on. Later, in the third and fourth century, a conglomerate of Suebic and other Germanic and non-Germanic tribes would settle down constantly in the south of Germany and form the new tribe of the Alemanni („all men“). The name of the Suebi has been preserved in the name of the Swabians, a German subgroup in the north of the Alemannic area.

In the sixth century there was already a network of monasteries in the region, but since the fifth century a great number of Alemanni had fallen back into paganism. Especially the more remote areas, covered with thick woodland, would still be settled by a persistent pagan population.

Hagiography as a Source

The hagiographies or vitae that are preserved from the early Middle Ages usually tell about the life of a specific saint in a rather succinct recapitulation, using the clerical language Latin. They can be read in respect to the quatuor sensus scripturae, meaning there is a literal, a typological, a tropological, and a anagogical sense in every text. This means that the bible has also a literal validity, next to the other three more metaphorical senses. This concept was however not only applied to the bible, but any text, even texts from pre-Christian antiquity.

Hagiographic vitae are full of miracles and other obviously untrue elements, but on the other hands they often have a historical basis, and basic information does match the facts. In regards to the vitae of Columbanus and Gallus we can assume that the events narrated here have an actual historical background, albeit that the interpretation of the contents is always arranged according to a Christian understanding.

Columban’s vita was recorded shortly after his death, by a monk and contemporary of his, in the early seventh century. The vita of Gallus was first recorded in the late seventh century, although only a fragment was passed down of this. There is however a later recording from the ninth century by the monks Wetti and Walahfrid Strabo, which according to the scholars goes back to the same source and differs only on a superficial level. This would mean that the record preserved the original contents from the seventh century, when paganism was still alive.

The Christian writers usually would follow clear rules in order to match the Christian dogma, in accordance to which they were trained to think since a young age. These dogmas are well-known, thus making it possible for us to get close to the original events by re-interpretation. It is certainly a difficult tightrope walk to take a text as more or less unreliable and reliable at the same time. With additional support from sources of the overall Germanic area we may nevertheless try such an interpretatio pagana here.

Wodan in the Vita Columbani

How Christian monks imagined a missionary journey in the early Middle Ages is exemplified in the Vita Columbani, the events roughly dating to the year 610 in the area of Bregenz at Lake Constance:

Finally they arrived at the assinged location, at which, even though it did not please Columban, he decided to stay, in order to preach the faith to the neighbouring folk. It is however Swabian people, which lives there. Once, as he journeyed through the region, he found them about to commit a heathen sacrifice: They had a huge vessel, which they call cupa [pot], and which held approximately twenty buckets, filled with beer and was set in the middle of them. To Columban’s question on its purpose, they aswered they would make an offering to their god Vodanus (whom others call Mercury). As he heard about this abominable act, he blew at the pot and, lo and behold, it broke loose with a crash and burst into pieces, so that all the beer flew out immediately. There it became clear that the devil had been hidden in the pot, whom through such earthly drink meant to catch the souls of the offerers. As the heathens saw this, they were in awe and spoke that Columban had a strong breath if he could break a tightly bound pot into pieces like this. But he berated them with the words of the gospel and commanded them to desist from such sacrifices and go home. Many were converted by the speech of the holy man back then and had him baptise them; and others, who had already been baptised but had lived on in the heathen misbelief, those he guided back to the faith and the bosom of the church with his words, like a good sheperd.

(Vita Columbani 27)

Apparently the Alemanni venerated Wodan by offering large beer sacrifices to the god, here called by the Latinized form Vodanus. Huge kettles for beer or mead are also known from Scandinavia. How we are supposed to interpret the miraculous blast of the pot, is another question. It is worth mentioning that the breath ascribed to the saint seems to point towards the very god that is supposed to be defeated by it: Wodan is the god of the storm-like spirit, Old English wōd (Germanic *wōdaz), which gets hold of the furious, i.e. the inspired.

While Adolf Schaumann still assumes that the Alemanni did not have a Wodan cult, the bow-fibula of Nordendorf in the Swabian part of Bavaria that was found shortly after speaks for the opposite, namely with its runic inscription „logaþore wodan wigiþonar“: Wigiþonar was either interpreted as hallowing-Donar or battle-Donar (Donar being the southern name of Thunor or Thor), while the word logaþore is more difficult. Düwel sees it as related to the word lie, and thus as an evidence for the renunciation of the deceitful heathen gods, while others link it to the deities Loki or Lóðurr.

Wodan is both the inventor of the runes as well as the leader of the warriors. Not only are rune finds very prominent in the Alemannic area, we also find embroidered metal plates (Pressbleche) that depict werewolves and sword-dancers that point at warrior cults connected to Wodan, just like the Norse berserkir. A good example is the scabbard of Gutenstein with its wolf-warrior.

Forest Devils in the Vita Galli

The destruction of Alemannic idols in the same region at Lake Constance is reported in the Vita Galli:

The man of god Columban boarded a ship with his felicious disciple Gallus and another deacon for exploration and adjourned to the town. There the hand of the brethren built housing and prayed to Christ imploringly for this place. In said place the superstitious folk venerated three iron and gilded idols, to which they were more attached and swore more vows to than to the creator of the world. Thus, desiring to crush their superstition, the man of god Columban instructed Gallus to hold a speech to the folk, since Gallus among them all excelled in the daintiness of the Latin language as well as the language of the locals there. They had gathered numerously for the usual festivity in the temple, more in surprise over the presence of the strangers than in contemplation and reverence for the religious service. In this gathering, the chosen of god, Gallus, irrigated the hearts of the people with honey-dribbling words, by urging them to convert to their creator Jesus Christ, the son of god, who would lead the way to heaven for humankind, sunken into filth and with cold hearts. Hereafter he took the removed idols and smashed them on the rocks before everyone’s eyes, and threw them into the depth of the lake. Thereupon a part of the people confessed their sins and received the faith, the other part departed angrily and upset, full of fury. And the man of god Columban blessed water and therewith sanctified the defiled places and thus gave the church of the holy Aurelia back its former honour.

(Vita Galli 6)

The place of events is a former church that was re-appropriated by the pagans as a place of veneration for their gods. As the report lets us know, it were three of them, which fits the divine trinity that can often be found in Germanic belief, in case of the Alemanni probably: Wodan, Donar and Ziu (Tiwaz-Týr). This also corresponds with the report of Adam of Bremen, who mentions three idols in the temple of Uppsala in 1070, which depict Odin, Thor, and the Swede-god Freyr. If the Vita Galli is untrustworthy here, it could be that it just projects an already known phenomenon – since ultimately the devil worship should look similar everywhere. But the report by Adam of Bremen would be over 400 years too late for this, and it is still questionable why the writer should make up the exact way of veneration in the Alemannic area out of thin air. It can thus be assumed that the trinity existed in the south as well.

In the further course of events we hear about a „mountain devil“, who converses with the „lake devil“, which has just been exiled there by Gallus throwing the idols into the lake. Columban and his companion however have a rather hard time. The tricks of the upset pagans lead them deep into the woods, which are perceived as dangerous and hostile: „This wilderness is rough and rich of waters, has high mountains and tight valleys and various beasts, many bears and packs of wolves and boars. I’m afriad they will attack you, if I lead you there“, says Gallus (Vita Galli 10).

What then follows is the well-known story of Gallus talking to a bear that comes near their camp, thereby taming the bear and even making it bring them firewood for the campfire. This passage is hard to explain in a rational manner without assuming an extensively warped perception. Did the two aghast clerics maybe just see a man dressed up in a bearskin? But this leads us too far off.

The last greater event then happens, as Gallus is instructed to fish in the lake:

As he was occupied with throwing out the net, two devils in female shape appeared to him, who stood naked by the shore, as if they were about to bathe themselves, and while showing him the bareness of their bodies and throwing rocks at him, they said: „You have led that man into this wilderness, an unjust and jealous man, who is always superior to us in our evil deeds.“ After the levite [deacon] had heard this, he hastened back and reported the event to the man of god. Hereafter they did both burst out into prayers to Christ. For the saint begged: „Lord Jesus Christ, son of god, do not impute it to my credits, but command those she-devils to withdraw from this place, so it be sanctified in your name.“ And as they arose from the prayer and went to the eddy, the she-devils did flee through the course of the river up unto the crest of the mountain. The man of god however spake: „Ghostly creatures, I command you in the name of the father, the son, and the holy spirit, whichdraw from this place into the wilderness and never come back here ever again!“ Thereafter they threw out their net and catched the scale-clad animals. And yet again the cunning of the old enemy was renewed; while they pulled the fish out, from the peak of the mountain they heard voices, like of two women, who lamented the death of their kind and exclaimed the following words: „What will we do and where will we go? Because of the stranger we are banned from living neither among men nor in the wilderness.“ Later however, as he went for catching greyhawks, the same deacon heard from the mountain Himilinberc [heaven’s mountain] how the devils asked three times with screaming voices, if Gallus was still in the wilderness, or if he had gone away.

(Vita Galli 12)

The two maidens that bathe in the river resemble the two river-maidens in the Nibelungenlied from the late 12th century perfectly, who foretell Hagen the downfall of the Nibelungs. Brynhild and her siblings bathe in a river too, as Agnar steals their swan suits in Helreið Brynhildar. All these sources point at heathen women, who bathe in water in pairs or even more, and who hold some kind of priestly function, be it swan maidens granting victory or seeresses forecasting their client’s decline. In ancient Greece we find the Maenads who are under the custody of Dionysos, and roam the woods. If in the Germanic area we now find two prentices join an older, more experienced priestess, under whose temporary care they stay, we yet again find the trinity, just as we do with the Norse norns at the Well of Urd and the three Matrones venerated in the Rhine area. In the eddies and waves of the rivers did the Germanic seeresses read the future.

From a Christian perspective, such a profession within a heathen cult would have been understood as devil-worship. The water maidens in the report too know that Columban is hostile towards them and their deeds, so that they throw rocks at his deacon. The cleric drives the she-devils away and they retreat to the devilish mountain – according to re-interpretation: the heathen halidom, in which they do their service.

The combination of forest, river, and mountain corresponds with the Germanic custom of chosing groves, wells and stones as halidoms. We remember Agathias’ report about the Alemanni from the beginning. The Christian missionaries on the other hand see their very enemy in all these forest devils, water devils and mountain devils, whose trinity is reflected in the idols and the three devils calling from the crest of the mountain.

The encounter with the water maidens seems rather realistic.„What will we do and where will we go?“ This question might also have been asked by the last pagans, who saw their native belief be more and more replaced by the converters who invaded their lands.

Heaven’s Mountain

The word Himilinberc was written down exactly like this in the Latin text, which means it must be a Germanic place name of a local mountain, with the meaning heaven’s mountain or sky-mountain. Both Snorri’s Gylfaginning as well as the Grímnismál in the Poetic Edda call the residence of the god Heimdall by the exact Norse equivalent Himinbjörg:

Himingbjorg is the eight, and Heimdall there
O’er men hold sway, it is said;
In his well-built house does the warder of heaven
The good mead gladly drink.

Halidoms are in general often to be found on hilltops, such as the sanctuary on the Heiligenberg in Heidelberg, which goes back into Celtic and Germanic times, until around the turn of the millenia the Romans built a cult site to a deity Mercurius Cimbrianus, seemingly a merger of the Cimbrian-Germanic Wodan and the Roman Mercury. The area around Heidelberg was apparently much influenced by the originally Jutish Cimbri and the Elbe-Germanic Suebi and Alemanni in pagan times. Whether the halidom hinted at in the hagiographic report was dedicated to Wodan, the sky-god Ziu, or an unknown southern cousin of the Norse god Heimdall, we do not know. The reason for why they chose mountains as locations for their halidoms would however be expressed fittingly in the name Himilinberc: Mountains are closer to the holy Father Sky, elevated from the surrounding landscape, and yet they are part of the also holy but complementing Mother Earth. They are in a way the place where the Sky touches the Earth.

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Related article: Old Saxon Paganism: Indiculus Superstitionum et Paganiarum


Sources

Columbansvita: https://www.sanktgallus.net/sankt-columban/

Felder, Katharina: Vitae Sancti Galli. Ein Vergleich. Fachbereichsarbeit aus Latein am BG Bregenz Gallusstraße. Bregenz 2003, p. 58-67. https://www.bg-gallus.at/fileadmin/dateien/latein/4_Textus/text_gall_brigantium.pdf

Gallusvita: https://www.sanktgallus.net/der-heilige/leben/wetti/

Schaumann, Adolf: Geschichte des niedersächsischen Volks: von dessem ersten Hervortreten auf deutschem Boden an bis zum Jahre 1180, Göttingen 1839. https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10021168_00157.html